Summer Dreaming
Bye, bye Africa

Am Freitag bekam ich eine Sms. „Du realisierst nicht, wie man sich in drei Monaten verändern kann“. Sie stammte von Johannes, der im Begriff war, sich von mir zu verabschieden, bevor wir uns überhaupt wieder gesehen hatten.

 

Seitdem bin ich wie in Trance. Ich weiß nicht wohin und noch weniger woher. Deutschland, Ägypten, Kenia, alles wie im Traum, kein Unterschied.

 

Johannes hat mir nicht nur meine letzte Tage kaputt gemacht. Dank ihm zweifle ich nicht nur an uns und dem gesamten letzten Jahr, sondern auch an mir.

 

„Du realisierst nicht, wie man sich in drei Monaten verändern kann“. Ich habe darüber nachgedacht und es stimmt. Ich habe nicht realisiert, wie MICH drei Monate verändert haben. Drei Monate, in denen ich – mal wieder – in ein fremdes Land gegangen bin, dessen Sprache ich nicht spreche und dessen Kultur ich nicht kenne. Ein Land, in dem es kein Trinkwasser mehr gibt, in dem Krankheiten wie Aids und Cholera die Bevölkerung dahinraffen, in dem die skrupeloseste Kriminalität an der Tagesordnung steht, Menschen umgebracht, entführt und ausgeraubt werden, ein Land, das von Flüchtlingen aus dem Norden, Somalis, Sudanesen, überschwemmt wird, ein Land voll von Korruption und Rassismus, gegen Weiße, Inder, gegen Angehörige anderer Stämme. Kenia ist wie jedes afrikanische Land. Während der letzten drei Monate hatte ich oft das Gefühl, kurz vor einer Sintflut zu stehen, die das Land, vielleicht den ganzen Kontinent, mit sich reißt, alles Leben kaputt macht und Platz für einen Neuanfang schafft. Oft wünschte ich es mir sogar und war schockiert über meine eigenen Gedanken.

 

Afrika polarisiert. Oft hat man das Gefühl, vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Alles scheint in Schutt und Asche gelegt und das Schlachtfeld ist von so enormer Größe, dass man nur ungläubig davor stehen kann, ohne zu wissen, wo man anfangen soll oder ob es überhaupt Sinn macht, anzufangen. Gerade geht es mir wieder so,  nur stehe ich nicht in Afrika, sondern vor dem Spiegel.

 

Doch Afrika kann auch wunderbar sein. Morgens mit dem Matatu voll mit Menschen und lauter Musik zur Arbeit zu fahren, nachmittags durch den Uhuru Park zu laufen und die Marabus – riesengroße Vögel – über den Rasen stapfen zu sehen, die bunten Kleider der Massai, die dir ihre eigene Mutter verkaufen würden, aber zu stolz sind, um sich fotografieren zu lassen, Essen, das auf offener Straße gebrutzelt und verkauft wird, endlose Weiten, Savanne, Regenwald, Wüste, Traumstrände.

 

Wer Afrika sieht und versucht zu verstehen, verändert sich, lernt, sich glücklich zu schätzen, lernt, dass Geld und Reichtum auf dieser Welt nicht alles ist, lernt, dass es Menschen gibt, die auf der Welt nichts haben und trotzdem leben und lernt, dass es nach einer Trockenperiode auch immer wieder regnet.

 

Ja, Johannes, in drei Monaten verändert man sich.

 

Afrika polarisiert und verändert. Jeden Tag aufs Neue. Afrika ist laut, bunt und fröhlich, grenzenlos und unberechenbar, Afrika ist gefährlich, arm und reich, alt und neu, es ist voller Gegensätze, gespalten, vereint, kreativ und arbeitswütig, langsam und faul, beständig und fällt täglich in sich zusammen, es lebt, pulsiert, schreit und singt, ist ein einziges wunderbar geordnetes Chaos.

 

Ich weiß, warum es mich immer wieder von neuem anzieht. Afrika ist wie ich.

 

26.9.09 15:41
 


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