Summer Dreaming
hiking

Ein gutaussehender junger Mann erklaerte mir vor nicht allzu langer Zeit die Vorzuege des Wanderns: Zwar ist der Aufstieg  oft muehsam und verhasst, doch der meist malerische Ausblick vom Gipfel entschaedigt jeden noch so gebeutelten und erschoepften Wanderer fuer alle Muehen.

Am Sonntag folgte ich neugierig dem Ratschlag des wohlgeratenen jungen Herren und begab mich in Begleitung einiger Franzosen und anderer Frankophilen auf den nicht mehr wirklich aktiven Vulkan Mount Longonot.

Folgende Informationen holte ich zuvor von meinen englischsprachigen Freunden, Bekannten und Kollegen ein:

„I did Mount Longonot in one hour, you will do it in… let’s say… two and a half hour”

“oh my god, it’s sooooo dusty, my clothes have never been dirtier before!”

“I hate hiking and I hated Mount Longonot”

Kommentare wie diese motivierten mich also zusaetzlich - neben meiner top Kondition und meiner Vorliebe fuer Berge - mich der Wandergruppe anzuschliessen.

Schon die Nacht von Samstag auf Sonntag war die Hoelle. Nachdem ich Samstag abend verschimmeltes Brot  gegessen hatte, war in den Stunden darauf nicht an Schlafen zu denken. Alle paar Minuten brachte mich der gruene Pelz, den ich vorher verschlungen hatte, zum Stoehnen, zwei Mal musste ich mich beinahe uebergeben. Koerper und Gehirn arbeiteten gut zusammen, um nicht wandern gehen zu muessen.

Als mein Wecker um 7h klingelte und mein Magen immer noch rumorte, wollte ich schon Riikka, meine Mitbewohnerin, wecken und sie fragen, ob sie meinen Platz wuerdig vertreten koenne und statt meiner Wenigkeit den Berg hochkraxeln moechte. Als gut disziplinierte Deutsche sagte ich mir jedoch, dass ich eines Tages mit Sicherheit mal einen Berg hochgehen muesse, moechte ich eines Tages in die wanderbegeisterte Familie des liebenswuerdigen jungen Mannes einheiraten und nicht von meinen bis dahin wohl 80-jaehrigen Schwiegereltern ueberholt werden, riss mich am Riemen und schluepfte in meine jeder Zeit bereitstehenden rosafarbenen mit Bluemchen bestickten Tracking Sandalen (zu denen mir Isabell bei Deichmann geraten hatte, damit ich immer sagen koennte, die haette ich schon, seit ich ganz klein bin), mit denen ich vollkommen underdressed war.

Alle, bis auf mich, trugen zumindest geschlossene Schuhe, die meisten sogar richtige Wanderstiefel, und ich wurde nicht nur ziemlich schraeg angeguckt, sondern auch gewarnt, dass ich den Aufstieg mit diesem Schuhwerk eventuell nicht schaffen wuerde.

Auf dem Weg zum gefuerchteten Vulkan versuchte ich nun noch ein paar Minuten Schlaf abzukriegen. Unmoeglich. Um mich herum unterhielten sich alle ueber Schuhe, Schugroessen und Vor- und Nachteile von schmalen Fuessen – letzteres ein Thema, bei dem nur betreten auf meine Froschfuesse schauen kann.

Endlich angekommen, zettelte ich einen kleinen Streit mit dem Eintrittskarten-Mann an, in der Hoffnung, er wuerde uns den Eintritt zum National Park und somit zum Berg verweigern. Mal wieder unterschaetzte ich die Geldgier der Kenianer.

Die folgenden zwei Stunden waren eine echte Qual fuer mich. Aber ich dachte an die weisklingenden Worte des ueberdurchschnittlich klugen jungen Herren und stellte mir vor, wie atemberaubend der Ausblick sein musste, um mich fuer all die Qualen zu entschaedigen.

Immerhin lag ich mit meinen Sandalen genau richtig. Waehrend die anderen mit staubigen Schweissfuessen und Blasen herumliefen, schwebte ich wie eine Elfenkoenigin ueber Staub und Stein.  

Voll von Staub, Asche und Dreck, verschwitzt und sonnengeroestet stuermten wir schliesslich nach etwa zwei Stunden den Gipfel - ich war nicht mal die letzte. Hinter mir erreichte Lisa, die durch eine Erkaeltung vollkommen geschwaecht und einem Kreislaufkollops nahe war, das Ziel.

Ich blickte mich um und sah nach links auf den unter mir liegenden Krater und  nach rechts auf die kilometerweiten afrikanischen National Parks Longonot, Nakuru und Naivasha. Am Horizont sah ich die Gipfel der Ngong Berge und am Fusse des Bergs eine kleine Herde Zebras grasen.

Ich fuehlte mich betrogen und ich verwuenschte den, was Wanderungen und sonstige sportlichen Taetigkeiten anbelangt, nicht sehr zuverlaessigen jungen Mann.

Im Gespraech mit einer kleinen aber feinen jungen Dame verglich ich mein Erlebnis mit folgender alltaeglicher Situation:

Man stelle sich vor, man stehe vier Stunden in der Kueche, brutzelt, braet, kocht und ruehrt, um dann am Ende die koestlichste Koestlichkeit kreiert zu haben. Ein Aufwand der sich lohnt.

Man stelle sich nun andererseits vor, vier Stunden in der Kueche, brutzel, brat, koch, ruehr, um schliesslich einen halben Teller in ranzigem Fett gebratene Pommes vor sich zu haben. Ein Aufwand der sich nicht lohnt, auch, wenn Pommes – egal wie ranzig das Fett, in dem sie gebraten wurden auch immer sein mag – trotzdem ganz lecker sind.

Am Sonntag stand ich vor einem Teller Pommes. Eigentlich ganz lecker und recht saettigend, aber nicht nach einem halben Tag in der Kueche. Von wegen, der Ausblick entschaedigt jeden gebeutelten Wanderer und all der Quatsch. Der Preis, um diesen Ausblick geniessen zu koennen, war mir persoenlich zu hoch und die moegliche bevorstehende Wanderung mit meiner eventuell zukuenftig verschwaegerten Familie abgeblasen, bevor sie ueberhaupt geplant war. Schliesslich entschaedigt auch nicht jedes Essen einen Koch dafuer, vier Stunden in der Kueche gestanden zu haben.

21.7.09 15:33
 


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